„Marburg ist schön? Marburg ist Marburg!
Marburg – was ist das eigentlich?
Auf den ersten Blick: Klein, beschaulich und nett.
Wer jedoch auch den zweiten Blick nicht scheut, wird bald feststellen, dass es damit nicht getan ist. Wie in wahrscheinlich jeder anderen Stadt auch, gibt es auch in Marburg viele Dinge die das sorglose Leben beeinträchtigen können. Zu nennen ist zum Beispiel die CDU die mit Soldatenverbänden die Ehre und Gräber der „deutschen Gefallenen“ sauber hält, die Praxis der hiesigen Ausländerbehörde, die Schließung des selbstverwalteten Studierendenwohnheim „Collegium Gentium“, der Konzentration von sogenannten sozialen Problemen in Brennpunkten bis zur Ausblendung der eigenen Rolle im Nationalsozialismus. Und natürlich der jährlich wiederkehrenden Marktfrühschoppen am ersten Juli-Wochenende.
Doch was hat das alles miteinander zu tun? Zugegeben: Es stehen nicht alle Beispiele in einem direkten Zusammenhang – trotzdem lassen sie sich in dieser Aufzählung zusammen bringen, gerade auch mit dem Marktfrühschoppen welcher durch Studentenverbindungen und ebenso widerwärtige Stadtteilgemeinden geprägt wird und bei dem das alte, schöne „Marburg oh Marburg“ inszeniert wird.
BürgerInnen und VerbindungsstudentInnen treffen sich auf dem Marktplatz um in völkischer Atmosphäre Blasmusik zu hören, Bier zu trinken und Wurstbrote zu essen. Nun mag sich die Frage stellen, was den daran nun gerade so schlimm ist. Darauf gibt es mehrer Antworten:
Da ist zum einen die oft vorgebrachte Beteiligung der Burschenschaften aus dem Dachverband der „Deutschen Burschenschaft“ – konkret sind dieses die „Normannia Leipzig“, die „Rheinfranken“, die „Germania“ und die „Teutonia-Germania“. Diese machen sich immer wieder bemerkbar durch ihre Nähe zur extremen Rechten; sei es durch Vorträge mit extrem rechten Referenten, revisionistischen Flugblättern z.B. zum 08.Mai – dem Tag der Befreiung durch die Alliierten – oder ganzen Seminaren in denen die alleinige Kriegsschuld Deutschlands in Frage gestellt wird.
Doch es gibt da ja noch die restlichen VertreterInnen der Marburger Studentenverbindungen. Denen kann mensch nicht ohne weiteres extrem rechte Tendenzen unterstellen – dass es sich dabei aber um Vereine handelt, die auf eine progressive Welt hinarbeiten kann nur bestritten werden. Bei aller Differenzierung einzelner Verbindungstypen und Dachverbände bleibt letztlich nichts positives. Alle orientieren sich an der hierarchischen Grundstruktur, an stupidem Männlichkeitswahn und einem Denken, welches sich – traditionsbewusst – seit 150 Jahren so gut wie nicht verändert hat. Die einzelnen Mitglieder werden durch Saufspiele, Bestrafungen und hierarchisch festgelegte Aufgaben zu Menschen erzogen, die nach oben buckeln und nach unten treten. Kein Wunder, dass bei dieser Vorstellung von Ungleichwertigkeit sich immer wieder Anknüpfungspunkte für Rassismus, Sexismus und Antisemitismus eröffnen.
Und bei allen Lippenbekenntnissen zur Distanzierung von extrem rechtem Gedankengut bilden alle Verbindungen zusammen eine Szene – die sich auf dem Marktfrühschoppen eben exemplarisch darstellt. Doch auch das Jahr über klappt die Zusammenarbeit hervorragend. So sind alle schlagenden Verbindungen im „Marburger Waffenring“ organisiert und dem Rheinfranken-Semesterprogramm des WS 06/07 nach lädt die von den achso tollen Partys bekannte ATV auch mal die Rheinfranken zum Kegeln ein. Nebenbei: Wer sich mal in der Internetplattform „StudiVZ“ angeguckt hat mit wem z.B. die Mitglieder der Rheinfranken dort Kontakte pflegen erkennt schnell, dass die oft betonte Distanzierung schlichtweg nicht existiert. (Übrigens hat da auch ein Philipp Stompfe, Nachwuchspolitiker der hiesigen CDU, keine Scheu mit Rheinfranken „Freund“ zu sein)
Bleibt noch der bittere Rest: Die „Marburger Bürgerschaft“. Neben scheinbar unbeteiligten BürgerInnen am Rand sollen hier stellvertretend die Marburger Stadtteilgemeinden betrachtet werden. Diese organisieren die Rahmenbedingungen des „Festes“ und versuchen in ihrem Auftreten die Korporationen zu kopieren indem sie sich gleichfarbende bunte T-Shirts anziehen. Es wird zur Volksmusik geschunkelt und deutsches Liedgut gesungen. Nebenbei werden GegendemonstrantInnen geschubst oder mit Sprüchen wie „damals hätts so was wie euch nicht gegeben“ traktiert. Oder wie im Jahr 1996 als Manfred Gundlach, damals Vorsitzender der Oberstadtgemeinde bezüglich der Proteste von der Bühne herab drohend feststellte: „Wer sich gegen das Volk stellt, wird die Quittung dafür bekommen.“
Entscheidend ist letztendlich die Kombination der verschiedenen Sphären, die sich zwar einzeln aufführen lassen aber niemals voneinander trennen lassen. Der Haufen der sich am 01.Juli selber feiert vereint einige Elemente von dem, was an Deutschland im Allgemeinen und Marburg im speziellen scheiße ist. Trotzdem wäre es verkürzt nur die Korporationen bzw. Stadtteilgemeinden zu kritisieren. Es geht um mehr, womit wieder die anfängliche Aufzählung in Erinnerung gerufen werden soll. Denn wenn ein Studierendenwohnheim geschlossen wird, welches aufgrund des antifaschistischen und internationalen Selbstverständnisses genau dem autoritätshörigen Geist entgegenwirkt und indem Menschen eben ohne die widerliche Erziehung und die dazugehörigen Rituale zusammenleben, dann ist das nur symptomatisch. Oder wenn, wie im Jahre 2006, auf der Homepage der Stadt Marburg anlässlich der Feuerzangenbowle „die Atmosphäre der 40er Jahre zurückkehren“ soll.
Um den Irrtum des „schönen Marburg“ zu thematisieren und dem dafür beispielhaften Marktfrühschoppen rufen wir auf zu Demo und Aktionen. “
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